AND Issue 3 T 03

Energy Transition - Design Research Paper

Study

Die Bewältigung der Klimakrise stellt uns vor enorme Herausforderungen, die wir nur durch eine radikale Abkehr vom Status Quo bewältigen werden. Es wäre vermutlich zu einfach, sich auf technische Lösungen zu verlassen, ohne dabei unsere Lebensgewohnheiten, Arbeitsweisen und infrastrukturellen Ansprüche in Frage zu stellen. Dies betrifft auch die zukünftige Entwicklung des umbauten Raums und den Umgang mit natürlichen Ressourcen.

Für die nötige Senkung des CO2 Ausstoßes und gleichzeitige Erhöhung der Energieeffizienz, gibt es in den einzelnen Ländern und Regionen bereits mehr oder weniger klar definierte Zielsetzungen. Worauf wir mit dieser Studie aber vor allem hinweisen wollen, ist die Notwendigkeit einer Strategie für den gestalterischen Umgang mit dem anstehenden Transformationsprozess.

Die rechtzeitige Einbeziehung von kreativen, und mit Sorgfalt und Sensibilität agierenden ArchitektInnen, DesignerInnen und LandschaftsgestalterInnen bietet die Chance, die mit der Energiewende auf uns zukommenden Großprojekte verantwortungsvoll und ästhetisch hochwertig in die Kulturlandschaft einzubetten.

Dabei geht es auch um das Ausloten potentieller Zusatznutzungen, von denen letztlich auch die breitere gesellschaftliche Akzeptanz der nötigen Großinvestitionen abhängen wird.

Das international tätige österreichische Architekturbüro Delugan Meissl Associated Architects, kurz DMAA, hat sich vor diesem Hintergrund anhand 5 konkreter Beispiele mit der Frage beschäftigt, wie sich bestehende verkehrstechnische Infrastrukturen oder menschgemachte Landschaften in erneuerbare Energiequellen der Zukunft verwandeln lassen und dabei neben zusätzlichen Nutzungen auch ästhetischen Mehrwert zu erzeugen.

Wir tragen mit dieser Studie auch dem Umstand Rechnung, dass die anstehenden Herausforderungen konkreter Handlungen bedürfen, die EntscheidungsträgerInnen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft anstoßen müssen, meist aber nicht über die nötigen Vorrausetzungen verfügen.

Das ExpertInnen Team besteht aus den Gründern
Elke Delugan-Meissl und Roman Delugan, den beiden Partnern Dietmar Feistel und Martin Josst, dem Experten und Prof. für klimagerechtes Bauen Thomas Auer,
der erfahrenen Energieexpertin Ulrike Andres und dem Designstrategen Wolfgang Fiel.

 

Auszug aus der Studie
FUTURE PERFECT: Warum die Energiewende Gestaltung braucht
Design Research Paper, DMAA © 2021

Für weitere Informationen
Kontakt: Denizhan Fiel at fiel@dmaa.at

 

Situation und Ausblick

Die Dimension der Anstrengungen im Kampf gegen die globale Erwärmung hat eine nie dagewesene Dynamik erreicht. Die USA, China, Japan, die EU und viele andere Industriestaaten haben zum ersten Mal in der Geschichte konkrete Maßnahmen und ambitionierte Ziele formuliert. Die angekündigte Reduktion der Treibhausgasemissionen soll dazu führen, dass der Großteil der industrialisierten Welt gegen Mitte dieses Jahrhunderts klimaneutral sein wird, um die Erderwärmung unter den angestrebten +2°C zu halten.

Für die Umsetzung der sog. Energiewende, also den Übergang von fossilen Energieträgern zu einer nachhaltigen Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien, werden gigantische Summen zur Verfügung gestellt, die zum Großteil in konkrete Projekte, und zu einem weiteren Teil in Forschung und Entwicklung fließen sollen. Laut den Ankündigungen werden alle neuen Investitionsprojekte des wirtschaftlichen Wiederaufbaus nach der Corona-Pandemie strengen Qualifikationskontrollen hinsichtlich ihrer Umweltkriterien und potentiellen Beiträge zur Erreichung der Klimaziele unterzogen.

Diese Investitionswelle an neuen Klimaschutzprojekten und Investitionen in erneuerbare Energien rollt uns allerdings ohne eine öffentliche Diskussion zur Frage ihrer ästhetischen Dimension entgegen, die bei Projekten dieser Größenordnung im Sinne der Wechselwirkung Mensch, Gesellschaft, Technik, Kultur und Natur von größter Dringlichkeit wäre.

So entstehen weltweit überdimensionale technische Infrastrukturen zur Erzeugung erneuerbarer Energien, wie z.B. Solar- und Windparks, bei deren Planung den Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung und Kulturlandschaft sehr oft zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Der Grund für das Engagement von DMAA zum Thema der Wechselwirkung von Architektur und Natur im engeren und der baukulturellen Dimension energietechnischer Infrastrukturen im weiteren Sinn, liegt in der anhaltenden Auseinandersetzung des Büros mit Fragen der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit des Bauens.

Dieses Engagement manifestiert sich in zahlreichen Projekten, die das renommierte Büro weltweit umsetzt. Dabei reicht es oft nicht mehr, von einer definierten Aufgabenstellung oder einem konkreten Raumprogramm auszugehen. DesignerInnen, ArchitektInnen und StädteplanerInnen übernehmen zunehmend die Aufgabe, neben den räumlichen und formalen Aspekten des Bauens auch soziale und politische Fragen von Nachbarschaften, Energieflüssen, Mobilität, kulturellem Erbe, Identität und urbanem Wandel zu thematisieren und in konkrete Projekte zu übersetzen.

Der Hauptfokus verlagert sich dabei von der individuellen Akteurin oder dem einzelnen Objekt zu einer größeren Sensibilität für Fragen der Relation und gegenseitigen Abhängigkeit. Diesem Richtungswechsel Rechnung tragend, versuchen DMAA den Prozess der Energiewende um die Werte, Interessen und Prioritäten von Architektur und Stadtplanung anhand konkreter Szenarien zu bereichern, die neben den technischen und funktionalen Aspekten auch der kulturellen Dimension dieser kulturräumlichen Transformation Rechnung tragen.

über 60% der österreichischen Bevölkerung unterstützen
die Ziele der Bundesregierung
bis 2040 als Land klimaneutral
zu sein.

105m x 68m x 8.100 = 57.000m²


Gestaltungsvorschläge

Szenario 1:
Staumauer

Der Zillergrund ist ein rund 20 km langes Seitental des Zillertals in Tirol. Das vom Oberlauf des Zillers durchflossene Tal ist der östlichste der „inneren Gründe“, in die sich das Zillertal bei Mayrhofen fächerartig verzweigt. Der oberste Abschnitt der Talung wird Zillergründl genannt, wo sich der rund 3 km lange gleichnamige Speicher befindet.

Seine Staumauer ist ein exemplarisches Beispiel für die Nutzung einer großen technischen Infrastruktur für den Betrieb einer großflächigen Solar PV Anlage und der Zusatzfunktion eines Hotels der etwas anderen Art. Die in der tragenden Struktur der Anlage verteilten Zimmer nutzen die

Infrastruktur symbiotisch und sorgen für ästhetisch anspruchsvolle Urlaubserfahrung mit Gänsehautcharakter.

 

© photographer
Böhringer Friedrich

Besonnungsdiagramm
(Ata Chokhachian, Climateflux)

Die Simulation zeigt für die Staumauer eine signifikante solare Exposition im Bereich von 600 - 800 kWh je m² und Jahr. Lediglich durch den Bergrücken im Westen zeigt sich bei flachstehender Sonne am Rand eine Verschattung am Spätnachmittag.

498 DET damm 03

© photographer
Böhringer Friedrich

498 DET damm 04

Szenario 3:
Rangieranlagen

Der Verschiebebahnhof Wien-Kledering ist die größte derartige Anlage in Österreich und befindet sich im 10. Wiener Gemeindebezirk an der südöstlichen Stadtgrenze Wiens. Schienenseitig liegt der Zentralverschiebebahnhof parallel zur Ostbahn-Linie von Wien Hauptbahnhof nach Bruck an der Leitha und Budapest.

Er ist für eine tägliche Leistung von 6.100 Wagen pro Tag bzw. 300 Wagen pro Stunde ausgelegt. Vor allem im Bereich von Ballungszentren bieten sich derartige Flächen für Doppel- oder Mehrfachnutzungen im Besondern an, auch wenn wie im gegenständlichen Beispiel der technische und wirtschaftliche Aufwand für die großflächige Überbauung derartiger Flächen nur dann zu rechtfertigen ist, wenn die Neuversiegelung vorhandener Freiflächenressourcen als steuerungspolitisches Instrument der Raumplanung an besondere Bedingungen geknüpft wird.

DMAA schlagen im konkreten Fall die Überbauung mit einer Gewächshausanlage vor, die neben dem Ertrag der landwirtschaftlichen Nutzung auch zur solaren Stromerzeugung dient. Zusätzlich lassen sich entlang der Bahnstrecken die Schwellen mit PV belegen, was in der Schweiz bereits erfolgreich getestet wurde.

© fotocommunity (Fritz G.)

Visualization
© beyond visual arts


Design Research Paper
DMAA © 2021

FUTURE PERFECT: Warum die Energiewende Gestaltung braucht
FUTURE PERFECT: Why the energy transition needs designers
Design Research Paper, DMAA © 2021